Bericht über eine Kongress-Reise: IFLA World Literacy and Information Congress, (15.8.-22.8.2013) Singapur

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Die Reise wurde durch ein Stipendium von Bibliothek Information International (BII) und des Goethe-Instituts gefördert.

Programm und Präsentationen: http://conference.ifla.org/ifla79/programme-and-proceedings

Der Kongress hatte insgesamt 3600 Teilnehmer, davon 1000 aus Singapur. An 2. Stelle folgen die USA, dann Australien, danach Deutschland mit 89 Teilnehmern. In diesem Bericht wird meine individuelle Auswahl aus parallel stattfindenden Veranstaltungen dargestellt. Dabei wird auf die vorhandenen Internetressourcen verwiesen. Daneben sind teilweise meine eigenen Kommentare ergänzt.

  1. 1.      17.8.2013, 15.15-17.45 h: CLM (Committee on Copyright and other legal Matters) Meeting. Im ersten Meeting des Copyright Committee wird zunächst über die vergangenen Treffen berichtet. Dann werden die nächsten Vorhaben beraten: u.a die Bildung einer Arbeitsgruppe zum Thema ‚Data Mining‘ . Hier geht es vor allem darum, wie Bibliotheken in ihren (digitalen oder zu digitalisierenden, noch urheberrechtlich geschützten) Materialien die Möglichkeit schaffen dürfen, nach Daten „ zu graben“.  Erster Schritt dafür wäre die Durchsuchbarmachung von Dateien, z.B. durch Volltextindexierung. Rechtliche Voraussetzung dafür ist entweder eine entsprechende (Ausnahme-) Regelung im Urheberrecht oder Nutzunrechts-Einräumungen durch die Rechteinhaber. Die Ausnahmeregelung könnte auch Eingang finden in  den Bibliotheks-Wunschkatalog für den internationalen WIPO Vertrag, der ebenfalls Gegenstand des Rückblicks ist (siehe dazu u.a.: http://www.ifla.org/clm/activities und meinen Bericht über die WIPO-Verhandlungen, ZfBB 59 (2012) 2, S. 104 .  Eine kurze Strategie-Diskussion hierzu schliesst sich an. Die Vorsitzende weist mit Blick auf die Verhandlungen zum internationalen Vertrag über Ausnahmen für die Visually Impaired People auf die Wichtigkeit der Präsenz von nationalen Bibliotheksverbänden auf internationalem Parkett hin. Vertreten sind bei der WIPO bisher nur der US- der Kanadische und der Deutsche Bibliotheksverband. Es folgt eine erste Themensammlung für den IFLA-Kongress 2014 (Lyon).

 

  1. 2.      18.8.2013, 10.30-12.00 h, Offizielle Eröffnung des Kongresses: http://conference.ifla.org/ifla79/session-72 Ambassador Prof. Chan Heng Chee verwechselt Zugang zu Information mit Qualität der Information. Information immer ‚on your fingertips‘ zu haben, scheint das Ziel zu sein. Aber wofür ? Asiens Facebook-Durchdringung ist wesentlich geringer als USA. Muss Asien folgen ?

 

  1. 3.      19.8.2013, 8.00-9.00 h, Plenary Session: IFLA Trend Report, http://conference.ifla.org/ifla79/session-93 IFLA Trend Report: Riding The Waves or caught in The Tide ? http://trends.ifla.org . Kommentare und Diskussionen sind auf der Webseite  möglich und erwünscht. Wird in die IFLA-Sprachen – auch deutsch – übersetzt. Der Report wurde in einer Expertenrunde in mehreren Sitzungen erarbeitet. Das Interessante: Unter den Experten befanden sich KEINE Bibliothekare, sondern Wissenschaftler und Mitarbeiter aus der Information Economy. Identifizierte Trends u.a.: a)  Technik erweitert die Möglichkeiten, aber auch Barrieren b) Das Lernen wird revolutioniert c) Neue Grenzen der Privacy d) Hyper-Connected societies: Mehr Gruppen werden erreicht, kaum jemand wird noch ausgeschlossen sein e) Die globale Informationswirtschaft wird durch die neuen Möglichkeiten veraendert. Aha. An sich nichts Neues. Allerdings werden in dem Report auch die Interdependenzen zwischen den Trends dargestellt.  Ingrid Pare nt, die IFLA- Präsidentin, stellt die Verbindung zu Bibliotheken her.  Aus den verschiedenen Bereichen der Bibliotheken.. Z.B. Nutzung von Google Glass im Lesesaal. , im geschuetzen Raum. Bibliotheken werden Teil des Businessmodells von Verlagen, wenn die Nutzung der Medien (z.B. bei E-Books und – journals) analysiert wird. Andererseits kann die Analyse auch helfen, das Lernverhalten zu untersuchen. Weitere Zusammenhänge der Trends: Können private Suchalgorithmen das öffentliche Informationswesen bestimmen oder sollten Bibliotheken eine Konkurrenz zu den kommerziellen Suchmaschinen aufbauen ?  Maschinelle Übersetzung: Problem, dass die Übersetzung aus dem Zusammenhang gerissen wird. Automatische Übersetzung könnte dazu führen, dass die Menschen selbst sich nicht mehr bemühen, fremde Sprachen und Kulturen zu studieren.

 

  1. 4.      19.8.2013,  Exploring an E-book Future (e-book lending models, copyright and other issues): http://conference.ifla.org/ifla79/session-97 Übergreifende Frage ist bei diesem Thema:  Bestimmen in Zukunft die Verlage, wie die Sammlungen der Bibliotheken aussehen und was sie überhaupt kaufen können ? Kommentare zu den einzelnen Vorträgen:
    1.  Dan Mount: Framing The challenges. Der Medienmarkt wird transformiert. Die  Anbieter fangen an, DRM-freie E-Books zu verkaufen: Dadurch steigt der Anteil an  ‚de facto ownership‘ mit der Möglichkeit des Abspeicherns. Die Frage bleibt jedoch: Ist ein E-Book ein „kaufbares“ Produkt oder ein Service ? Es besteht eine positive Korrelation zwischen E-lending und Buchverkäufen ist positiv (Studie von ‚overdrive‘): Anreiz für Verlage und Bibliotheken, zusammenzuarbeiten.
    2. Elsevier Chairman Ys Chi schildert die Herausforderungen der Verlage: A) Access B) expensive: verlage schiessen den Autoren Geld vor.C) enigmatic: Bibliotheken Und Verlage werden zu Konkurrenten D) Think outside of the traditional box, z.B. der „First Sale“ doctrine. E) experimental: wie können Bücher angereichert werden, um besser verkauft zu werden ? F) Ephemeral. Alles ist vergänglich im technischen Bereich. Selbst E-Books sollen nach best. Vorhersagen 2017 verschwunden sein. Sie konkurrieren mit Filmen, Spielen, Multimedia etc. Bücher sind zu statisch. G) Empathy. F) Eternal. Die Frage wird zunehmend gestellt werden: Was ist ein Buch überhaupt ? Es wird viele verschiedene Modelle geben. Von micropayment, self-Publishing, crowdfunding, golden Road etc…
    3. Panel: E-Books in verschiedenen Welt-Regionen

                                                         i.            EBook challenges in Latin America. Noch sehr viel Markpotential vorhanden, auch weil grossenteils die gleiche Sprache gesprochen wird. Breitband  sollte auch in abgelegene Regionen gelegt werden. Problem: Es gibt keine Kopierschranke, also keine Ausnahmeregelung für legale Vervielfältigungen durch Bibliotheken, in Lateinamerika

                                                        ii.            Africa: Bisher gibt es in Afrika kaum einen Markt für E-Books. Grosses Problem ist die mangelnde Internetabdeckung. Das Budget für E-Books in Bibliotheken ist sehr gering. Grossenteils gibt es dafür gar keinen Etat. Aus Sicht der Verlage ist die Piraterie eines der grössten Probleme für den Ausbau des Angebotes. Weitere Gründe für das geringe Angebot sind: Eingeschliffene Gewohnheiten, hoher Preis für E-Reader, verfügbare Sprachen, hohe Ebook Preise,  fehlende Infrastruktur, Verlage sind noch nicht bereit für die Entwicklung neuer Modelle. Perspektive: Wenn für den afrikanischen Markt keine Preiswerten Reader entwickelt werden, verläuft die Ebook- Revolution auf Handys.

                                                      iii.             Asien: Kindle und Ibooks w erden hier nicht verkauft. Einige eigene EBook shops haben eröffnet. Verleihmodelle sind noch wenig entwickelt. EBook-Aggregatoren wie z.B. Overdrive bieten noch nicht ihr ganzes Sortiment (für die Ausleihe) an. In Singapur leihen die Bibliotheken ihren den Nutzern Ipads aus. Aussicht: Die Verlage in Singapur fangen nun mit EBooks und Ausleihmodellen an.

                                                      iv.            Australien: Der EBook-Markt ist gut entwickelt. Die meisten Bibliotheken verleihen EBooks, abgesehen von abgelegenen Gebieten. Bücher für Kindle sind aber nicht erhältlich. Nach den Prinzipien, die von der Regierung und der Buchindustrie entwickelt worden sind, sollen mehr  Modelle für Bibliotheken aufgebaut und der Schutz vor Piraterie verstärkt werden.

                                                        v.            Europa: In kleineren Ländern mit „kleinen Sprachen“  ist der Ebook-Markt erst wenig entwickelt. Am weitesten Ausgenaut ist der Markt in UK. Insbesondere in der EU stellt sich die Frage, ob das „Usedsoft“-Urteil zur Erschöpfung von Software-Lizenzen auch auf Ebooks anwendbar ist. In Deutschland fürchten die Verlage konkurrierende Verleihmodelle der Bibliotheken. Ein Verlagsmodell mit 15000 Titeln kostet indiv. Personen 100 Eur/Jahr. Bibliotheken sind billiger.

 

                                                      vi.            Nordamerika: Bibliotheksnutzer sind frustriert, weil Anbieter Bibliotheken teilweise E-Buecher vorenthalten. Die Preise für Ebooks sind hoch. Weitere Probleme sind die Archivierung, der Datenschutz, die interoperabilität der Dateien, die Herstellung von Kopien für Sehbehinderte. Für die Verlage scheint bedenklich, daß der Aufwand fürs Ausleihen von Ebooks gering ist. Wenn das Angebot der Bibliotheken mit dem der Verlage identisch ist (v.a. wenn die Nutzer sich nicht mehr zur Bibliothek begeben müssen), warum sollten Nutzer noch auf letztere (zu einem höheren Preis) zurückgreifen ? Diese Überlegung hat Einfluss auf die Preismodelle ( Preise für Bibl. Sind um vielfaches höher als für Individuen). Vertragsmodelle differieren auch für die Autoren: Die Vergütung für lizenzierte EBooks ist weit höher als für den Verkauf von Printbüchern.

                                                     vii.            Vorstellung der IFLA Ebook-Principles: „The right to Ebook“. Dabei geht es v.a. um Fragen des Zugriffs, des Copyright und des Datenschutzes. http://www.ifla.org/node/7418

 

  1. 5.       21.8.2013, 8.30-9.15 h,  Plenary, Parag Khanna http://conference.ifla.org/ifla79/session-160 Darstellung der sozio-technischen Entwicklung der Menschheit: Jetzt kommt das ‚hybrid age‘. Technology is becoming ubiquitous, intelligent, integrated, social. Der Referent gibt im Wesentlichen nur das wieder, was die Google-Angestellten Schmidt und Cohen in ihrem Buch ‚Die Vernetzung der Welt‘ voraussagen. Die Frage ist nur: Wessen Perspektive ist das ? Eine kritische Auseinandersetzung fehlt.

 

  1. 6.      21.8.2013, 9.30-11.30 h: Gold mining! Text and data mining of journals: librarians, publishers and researchers excavating the treasure trove http://conference.ifla.org/ifla79/session-165

 

  1. Text & data mining – a librarian overview
    ANN OKERSON (Center for Research Libraries, Chicago USA): Unterscheidung zwischen Text and Data Mining. Wie gewinnt man Zugang zu den Dokumenten ? Zugriff ist oft von Lizenzbedingungen abhaengig. Problem insbesondere bei Materialien, die nicht frei zugänglich sind. Ggf. könnte die Entwicklung von Standardlizenzen helfen. (Offen ist allerdings: Wie sollen solche erarbeitet und implementiert werden ?). In den USA besteht wohl keine Chance, eine Schranke für Text- and Datamining (TDM) ins Urheberrecht einzubauen. Open Access macht TDM einfacher.
  2. Text mining in libraries: a panoramic view
    HELEN HEINRICH (California State University, Northridge, Northridge California USA): Auch Bibliotheken müssen auf den ‚Big Data‘-Zug aufspringen. Nur 5 % der 1,5 Mio Forschungsaufsaetze jährlich werden durchsuchbar gemacht. Copyright erlaubt nicht das Durchsuchen der Texte.
  3. Data mining of scholarly journals: challenges and solutions for libraries
    MARTHA A. SPEIRS (Azerbaijan Diplomatic Academy, Baku, Azerbaijan): Sprachproblem: Englischsprachige Materialien sind leichter durchsuchbar als andere. Es besteht die Gefahr, dass bei der Suche wichtige anderssprachige Texte vernachlässigt werden ? Hinweis auf multiliguale Suche unter http://worldwidescience.org/
  4. Librarians and publishers working together to support text mining
    DAVID TEMPEST (Elsevier, Oxford England): Elsevier hat tools für die semantische Suche in die Datenbanken eingebaut. Der Aufbau solcher Moeglichkeiten kostet viel Geld. Zu Berücksichtigen ist:  Autoren wollen evtl. nicht, dass ihre Publikationen in Data Mining integriert werde (Frage: Müssen sie eine entspr. Lizenz einräumen ?). Problem für die Durchsuchbarkeit sind unterschiedliche Formate der Aufsätze. Musterlizenzen: http://www.stm-assoc.org/2013_05_29_Lavizzari_Text_and_Data_Mining.pdf ; http://www.stm-assoc.org/text-and-data-mining-stm-statement-sample-licence

 

  1. 7.      21.8.2013, 9.30-12.45 h: On the way to Freedom of access,http://conference.ifla.org/ifla79/session-167
    1. IFLA Code of Ethics: Further steps
      HERMAN ROESCH (coordinator of the new IFLA Code of Ethics)
    2. Introducing IFEX
      MASJALIZA HAMZAH (Centre for Independent Journalism, IFEX, Malaysia)
    3. IMMI legislation of Iceland
      BIRGITTA JONNISDOTTIR on video, interviewed by Päivikki Karhula
    4. IFLA Internet Government Statement & advocacy work
      STUART HAMILTON (Director, Policy & Advocacy at IFLA): Aufruf zu einem “Neuaufbau” des Internet ohne Überwachungsmöglichkeiten (IFLA Position on Internet Governance). Bibliotheken sollten anfangen, ein Gegengewicht zu den US-Diensten aufzubauen.
    5. e.     Panel: ACCESS IN ASIA. Perfecting self-censorship (Alex Au): Singapore as an example to the world. Schwammige Gesetze in Singapur produzieren Unsicherheit. “News websites” müssen 50.000 SGD für die Anmeldung zahlen. News müssen auf Anforderung der Regierung herausgenommen werden. Graue Gesetzgebung betrifft auch Schwule und Lesben. Hier ist die Lage ist mit Russland vergleichbar. Alerdings betrifft die Zensur mittlerweile weniger das geschriebene Wort als die filmische Darstellung homosexueller Beziehungen.

 

  1. 8.      22.8.2013, 8.00-9.30 h: CLM Meeting II, u.a. weitere Beratung der Themen vom Meeting I, Berichte über weitere internationale copyright-Abkommen, u.a. Trans Pacific Partnership (TPP, http://de.wikipedia.org/wiki/Transpazifische_strategische_wirtschaftliche_Partnerschaft) ; meine Zusammenfassung der “country reports”, s. Anhang.

 

  1. 9.      22.8.2013, 10.45-12.45 h: International agreements that influence national policy framework for exceptions and limitations for libraries, http://conference.ifla.org/ifla79/session-209 :
    1. IFLA at World Intellectual Property Organization and the Proposed Treaty for Libraries and Archives
      WINSTON TABB (Johns Hopkins University, Baltimore, USA): Bericht über die Aktivitäten vor allem des Committee on Copyright and other Legal Matters (CLM) und der nationalen Bibliotheksverbände (u.a. Deutscher Bibliotheksverband) bei der WIPO.
    2. Treaty for the blind and visually impaired and what it means for libraries and TLIB
      JONATHAN BAND (TBC) (Policy Bandwidth, Washington, USA)
    3. Treaty for Visually Impaired Persons (TVI) and treaty proposal on Copyright Limitations and Exceptions for Libraries and Archives (TLIB): implications for the Developing World
      DENISE ROSEMARY NICHOLSON (University of Witwatersrand, Johannesburg, South Africa)
    4. Recent court cases in intellectual property and their implications for libraries
      HARALD MUELLER (Max Planck Institute for Comparative Public Law and International Law, Heidelberg, Germany): Bericht u.a. über die Gerichtsentscheidungen zum “Erschöpfungsprinzip” bei E-Books.
    5. Bilateral and multilateral trade agreements; IFLA resources for libraries on IP
      ELLEN BROAD (National Library of Australia, Canberra, Australia)

Berichtet von Armin Talke, 1.9.2013

 

 

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